Amadeos Kurzgeschichte zu Ungarn

Der Tag an dem ich des Bürgermeisters Auto küsste

Lasst mich etwas ausholen, denn diese Geschichte hat eine Vorgeschichte! Ich war erst ein paar Wochen in Csikeria. Verzeiht mir das fehlende Apostroph, ich bin zu faul es zu generieren! Ihr seht ja auf meinem Foto dass ich etwas übergewichtig bin.  Und vor Jahren hatte ich mal einen unverschuldeten Unfall in Frankreich, auf dem Weg nach Spanien. Autoroute du Soleil bei Vienne. Nach einer lang gezogenen Kurve, und mitten in der Nacht, krachte ich bei Dunkelheit in ein, auf der Überholspur quer stehendes, unbeleuchtetes Auto! Ich bremste, aber es war zu spät! Ich krachte gegen das Fahrzeug. Mein damaliger Hund, ein englischer Bullterrier, und ich, drehten uns wie ein Kreisel, und landeten beide neben der Rückbank im Fußraum! Was für Fliehkräfte! 

Und was für Schmerzen! Kopf! Rippen! Dem Bully aber schien es gut zu gehen, ihm war nichts passiert. Krankenwagen! Untersuchung! Nichts, nur geprellte Rippen, und eine Beule am Kopf, weil mein Haupt gegen die Front Scheibe geprallt war. Sie splitterte sternförmig auf. Die Scheibe, nicht meine Stirn. Der französische Doc hatte sich später nicht einmal die Mühe gemacht die Glassplitter aus meinen Haaren zu kämmen. Aber geröngt wurde ich. Die Krankenschwestern kümmerten sich derweil um meinen Bully. Ein herzensguter Hund. 

Aber jetzt kommt das wichtigste: 

Der Doc nahm mich beiseite, und versicherte mir, wäre ich angeschnallt gewesen, hätten mich die Gurte schwer verletzt. Sie hätten mir tief ins Feisch geschnitten. Seitdem schnalle ich mich im Auto nicht an! Der Preis dafür? Ab und zu ein Knöllchen wegen nicht anschnallens! Und jedes mal rede ich mir den Mund fusselig, um dem Polizisten zu erklären, die Gefahr die für mich vom Gurt aus geht ist, übergewichtbedingt, größer, als die Gefahr durch einen eventuellen Unfall selber.  „Hier kommt Kurt! Ohne Helm und ohne Gurt!“ (Frank Zander) 

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„Sie brauchen eine Bescheinigung vom Arzt, der sie von der Gurtpflicht befreit!“ sagen die Beamten jedes mal zu mir, wenn sie mich ewischen. Habe ich nicht. Also Zahlemann und Söhne! Was hat das alles mit Ungarn zu tun? 

Nun, in Ungarn erging es mir ganz genau so! Schließlich hatte ich es satt! Also suchte ich meine Ärztin auf, die in der gleichen Straße praktizierte, in der ich wohnte, und ersuchte um eine solche Bescheinigung. Nachdem sie einen Blick auf mich geworfen hatte, bekam ich sie auch anstandslos!  Sie berrechnete mir noch nicht einmal was dafür! Közenöm! 

Und jetzt kommen wir zum Teil der Geschichte, der den Titel rechtfertigt! Beim Zurücksetzen mit meinem Fahrzeug, um aus dem Parkplatz zu kommen, krachte ich in die Seite eines Wagens, der am Straßenrand stand! Ich hatte den übersehen. Ein ungarischer Freund, der mich in die Praxis begleitet hatte, um zu übersetzen, schüttelte mich an der Schulter, und rief: „Du, das war der Wagen des Bürgermeisters!“ Ach du Scheisse!  Das war er also, der Tag, an dem ich des Bürgermeisters Auto geküsst habe! 

Ich kannte ihn, da ich ihn aufgesucht, und mich ihm vorgestellt hatte, als ich neuer Einwohner seiner Stadt Csikeria wurde.  Ich stieg aus, und machte mich auf die Suche nach ihm. Wenn sein Auto da stand, musste er ja irgendwo in der Nähe sein. Ich fand ihn im selben Gebäude, in dem sich die Arztpraxis befand. Sein Blick war fragend: „Was willst du?“ – „Ich habe gerade ihren Wagen geküsst. Entschuldigen sie! – Bitte übersetzen!“  Und der Bürgermeister: „Du hast WAS?!“  – „Naja, in Deutschland, im Frankfurter Raum zumindest,  wo ich wohne, wenn ich nicht in Csikeria bin,   sagt man das so. Wenn ein Auto mit einem anderen zusammen stößt, dann haben sie sich geküsst!“ 

Jetzt verstand er, und kam mit uns raus auf die Straße. „Mein schönes Auto!“ – „Ja, eine große Beule an der Tür, ein Knutschfleck, praktisch! Aber natürlich komme ich dafür auf!“ Und der Bürgermeister: „Ja, aber Geld ist egal! (Kein Wunder dass er das sagt, er ist Millionär!) Wie sieht das Auto denn jetzt aus?! Damit kann ich mich nicht blicken lassen!“ – „Dann nimm doch deine Pferdekutsche!“ dachte ich, sprach es aber nicht laut aus.  Geschehen war geschehen! Ich bat ihn den Schaden reparieren zu lassen, mir zu sagen, was es gekostet hat, und ich würde ihm das bezahlen. Und so verblieben wir, gaben uns die Hand drauf, und gingen jeder unserer Wege.  

Nach einigen Wochen kam der Bürgermeister zu mir nach Hause. Wir waren sowieso fast Nachbarn. Wir tranken zusammen ein paar Schnäppse, und er sagte mir, was die Reparatur gekostet hatte. Er war mehr als fair.  Er verlangte nur einen Bruchteil von dem, was es in Deutschland gekostet hätte. Ich gab ihm das Geld, wir unterhielten uns noch eine Weile, und dann ging er. Nicht ohne mir noch einige Tipps zu geben wie ich meine Haustür besser sichern könnte. Und nicht ohne zu erwähnen dass es in Csikeria seit Jahrzehnten keine Diebstähle oder sonstige Kriminalität gegeben hatte. Darauf war er stolz, und das zu recht! Wir gaben uns die Hand, und fort war er. 

Das war die Geschichte! Aber warum habe ich sie euch erzählt? Weil es toll ist was passiert ist, wie damit umgegangen wurde! Was wäre in Deutschland passiert, wenn ich jemanden in die Seite gefahren wäre? Polizei! Papiere! Versicherung! Zeugen! Eine Klage möglicherweise! Stellt euch vor, nach einem von mir verschuldeten Unfall sage ich zum  geschädigten: „Lassen sie es reparieren, und sagen sie mir dann wie viel es gekostet hat. Ich bezahle ihnen das dann!“ Man würde angeschaut werden, als hätte man den Verstand verloren. Oder man würde denken man erlaube sich einen Scherz. Und in Ungarn, in meinem Dorf zumindest? Man gibt sich die Hand drauf, und genau so wird es gemacht!  Keiner denkt auch nur im Traum daran den anderen zu behumpsen. Alle halten Wort! Deswegen liebe ich Csikeria. Deswegen liebe ich Ungarn.  

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